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Wir haben einen langen Atem
Die Außenminister Johann Wadephul, Jean-Noël Barrot (Frankreich) und Radosław Sikorski (Polen) zum 4. Jahrestag der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Erschienen in der FAZ vom 24.02.2026.
Wenige Tage hatte Wladimir Putin sich und seinen Truppen gegeben, als er im Februar 2022 seine völkerrechtswidrige Vollinvasion auf die Ukraine begann. Wenige Tage, in denen er einen Korridor Richtung Kyiw schlagen, die ukrainische Hauptstadt unter Kontrolle bringen und ein prorussisches Marionettenregime installieren wollte. Wenige Tage, in denen er die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur auf einen Schlag zu Fall bringen wollte.
Aus wenigen Tagen sind vier Jahre geworden.
Vier Jahre, in denen es Moskau weder gelungen ist, bedeutende Geländegewinne zu erzielen, noch größere Städte endgültig einzunehmen. Im Gegenteil. Die Verluste der russischen Armee sind riesig. Ihre Erfolge gering. Jeden Tag bezahlen hunderte russische Soldaten Putins Großmachtphantasien mit ihrem Leben. Mit dem aus russischer Sicht mageren Ergebnis, dass die russischen Truppen 2025 nur ein Prozent des ukrainischen Territoriums zusätzlich besetzen konnten. Wie hoch diese Verluste in Relation sind, verdeutlichen Vergleiche mit russischen Kriegen der Vergangenheit: Sie sind 10-mal höher als in den Tschetschenien-Kriegen und 20-mal höher als im Russland-Afghanistan-Krieg.
Man kann also getrost sagen: Putins Plan ist nicht aufgegangen. Er ist sogar grandios gescheitert.
Denn womit er nicht gerechnet hatte, war die Widerstandskraft des ukrainischen Volkes. Der Heldenmut ihrer Soldaten. Das Nationalbewusstsein einer ganzen Nation. Und die Solidarität des Westens, der fest an der Seite der Ukraine steht.
Denn statt die NATO zu spalten, steht sie zusammen wie nie zuvor. Sie ist sogar stärker als zuvor. Mit Finnland und Schweden haben wir zwei neue Alliierte – im Falle Schwedens nach 200 Jahren der Neutralität.
Putins Strategie gegen diesen Widerstand ist klar: Er setzt auf Zermürbung.
Nicht erst seit diesem Winter zeigt sich: Putin will die Ukraine in den Blackout bomben. Mit seinen Angriffen zielt er vor allem auf die zivile Energieinfrastruktur des Landes. Krankenhäuser, Schulen, Wohnblöcke, ganze Stadtviertel sind ohne Strom, ohne Heizung, ohne Wasser. Wir sprechen hier von bis zu einer halben Million Menschen – allein in Kyiw.
Das sind völkerrechtswidrige Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Das sind Kriegsverbrechen. Die Ukrainer sollen sich dem Terror beugen. Das ist Putins zynisches Spiel mit der Kälte.
Doch die Spielregeln dafür lassen wir Europäer uns nicht diktieren.
Denn die Ukraine – das sind auch wir.
Der Kreml lässt keinen Zweifel daran, worum es ihm auch geht. Nämlich um eine Konfrontation mit dem Westen. Der Kreml will eine illiberale Welt der Autokratien gegen den Westen. Russlands Aggression gegen die Ukraine ist Teil eines größeren Angriffs auf die regelbasierte internationale Ordnung.
Darum geht es in diesem brutalen Eroberungskrieg. Und deswegen geht unsere koordinierte Unterstützung weiter.
Deswegen stehen wir der Ukraine mit zusätzlicher Luftverteidigung bei.
Mit Unterstützung beim Schutz der Energieinfrastruktur und der Reparatur von Energieanlagen, nicht nur für diesen Winter, sondern auch schon in Vorbereitung auf den nächsten.
Deswegen hat das Europäische Parlament ein 90-Milliarden-Euro-Hilfspaket genehmigt.
Deswegen unterstützen wir einen ukrainischen EU-Beitritt.
Deswegen fordern wir ein Sondertribunal, um Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen.
Und deswegen nehmen wir ukrainische Flüchtlinge auf.
Denn eines muss Putin klar sein:
Er ist dabei, die Ukraine strategisch zu verlieren. Er hat die Resilienz der Ukrainer, er hat die Resilienz Europas unterschätzt. Den europäischen Reformpfad, den die Ukraine eingeschlagen hat, wird sie nicht mehr verlassen. Schon jetzt ist die Ukraine institutionell enger mit dem Westen verbunden als jemals zuvor.
Und wir Europäer haben als Ziel klar vor Augen: Wir müssen zu einem Frieden kommen, der dauerhaft und gerecht ist.
Die Ukraine wird diesen Frieden nur aus einer Position der Stärke heraus erreichen können. Deswegen werden wir ihr nicht von der Seite weichen. Deswegen bleiben russische Vermögenswerte in Milliardenhöhe eingefroren. Und deshalb werden wir den Druck auf Russland immer weiter erhöhen.
Nach vier Jahren Krieg ist nicht nur die Ukraine ein anderes Land. Auch Europa ist anders als zuvor. Es ist ein stärkeres, ein resilienteres Europa. Ein Europa, das den Wert der Freiheit kennt. Und bereit ist, dafür einzustehen.